Karies

Ursachen 
Es gibt mehrere Theorien zur Entstehung von Karies. Heute ist die chemoparasitäre Theorie nach Willoughby D. Miller (1890)allgemein anerkannt. Demnach kommt es auf Grund mehrerer pathogener Faktoren zur Zerstörung der Zahnhartgewebe in mehreren Stufen.

Karies ist eine kohlenhydratmodifizierte, ansteckende Infektionskrankheit, daher muss erst eine Übertragung der kariogenen Streptokokken in den Mund erfolgen.

Die Mundhöhle eines Ungeborenen ist zunächst steril, bereits bei der Geburt erfolgt der erste Kontakt mit vaginalen und fäkalen Mikroorganismen. Innerhalb kurzer Zeit entwickelt sich eine natürliche Bakterienflora ähnlich der Erwachsener. Die Übertragung der kariogenen Erreger erfolgt durch Speichelkontakt z. B. beim Küssen, gemeinsamen Benutzen von Geschirr, Husten etc. Der bedeutendste kariogene Keim Streptococcus mutans ist jedoch erst nach Durchbruch der Milchzähne nachzuweisen. Die häufigste Übertragung erfolgt über den Milchflaschensauger zwischen Mutter und Kind (Vorkosten, Temperaturprüfung der Milch).

Biologische Grundlagen
Die Zähne sind von einem Biofilm (Plaque) umgeben, der zahlreiche Säure bildende Mikroorganismen enthält. Diese verstoffwechseln Kohlenhydrate aus der Nahrung zu Säuren. Diese können wiederum Kalziumphosphate aus dem Schmelz lösen. Wird dieser Prozess nicht gestoppt oder umgekehrt, führt die Entmineralisierung des Schmelzes zur Bildung einer kariösen Läsion. Karies ist das Ergebnis einer ökologischen Veränderung des Biofilms. Sie kann somit als Verschiebung des dynamischen Gleichgewichtes zwischen den in der Zahnhartsubstanz gebundenen Mineralsalzen und denjenigen, die im Biofilm beziehungsweise im Speichel gelöst sind, definiert werden.

An Karies kann man erkranken, wenn fünf Hauptfaktoren zusammenwirken:
- Wirtsfaktoren (Zähne, Mineralqualität, Speichelfaktoren, Verhalten)
- Plaque
- kariogene Bakterien
- niedermolekulare Kohlenhydrate (besonders in Zucker und gezuckerten Speisen enthalten)
- genügend Zeit

Neben diesen Hauptfaktoren gibt es diverse Nebenfaktoren: Zahnstellung, Zahnfehlbildungen, Speichelfluss und -zusammensetzung, genetische Faktoren und die Zusammensetzung der Nahrung.

In der Plaque siedeln sich Laktobazillen und verschiedene Streptokokkenarten an. Herausragend ist Streptococcus mutans. Diese Mikroorganismen produzieren aus niedermolekularen Kohlenhydraten organische Säuren, die den Zahn angreifen, indem sie die in der Zahnhartsubstanz vorhandenen Mineralien herauslösen. Zucker aus der Nahrung wird dabei zu Milchsäure abgebaut. Nur Mikroorganismen, die diesen Stoffwechselprozess beherrschen (azidogene Mikroorganismen) und in stark saurem Milieu überleben können (azidurische Mikroorganismen), vermehren sich dann weiter. Zahnbeläge von Personen, die viel und häufig Zucker konsumieren, haben deshalb eine andere Mikrobiota.

Neutralisierung der Säuren
Von großer Wichtigkeit für die Zahngesundheit sind ausreichende Pausen zwischen den Mahlzeiten (oder dem Trinken zuckerhaltiger Getränke), in denen der Speichel die Säuren neutralisieren und die angegriffene Zahnsubstanz remineralisieren kann. Es kommt also nicht so sehr auf die Menge des konsumierten Zuckers an, sondern vor allem auf die Häufigkeit und Dauer des Zuckerkonsums. Eine über den Tag verteilte Dosis eines zuckerhaltigen Erfrischungsgetränkes erhöht das Kariesrisiko beträchtlich, da dadurch dem Zahnschmelz die Regenerationsphasen genommen werden. Ein ausreichender Speichelfluss ist für die Gesunderhaltung von Zähnen und Mundschleimhäuten unerlässlich. Jede Beeinträchtigung des Speichelflusses bedeutet neben einer Vielzahl von unangenehmen Begleiterscheinungen auch immer eine Erhöhung des Kariesrisikos. Ein gänzliches Versiegen des Speichelflusses kann innerhalb kürzester Zeit zur kariösen Zerstörung der Zähne führen. 

Vorbeugung
Die beste Möglichkeit, Karies vorzubeugen, ist eine Beschränkung der Zuckeraufnahme. Dadurch wird die Veränderung der Mundflora in Richtung einer kariogenen Plaque verhindert. Die American Dental Association (US-amerikanische Zahnärztliche Vereinigung) und die Europäische Kinderzahnärztliche Akademie empfehlen, den Konsum zuckerhaltiger Getränke einzuschränken sowie Säuglingen und Kleinkindern keine zuckerhaltigen Flüssigkeiten zum Einschlafen zu geben. Es gibt außerdem Hinweise darauf, dass unraffinierter Vollrohrzucker weniger kariös wirkt.

Als gute Möglichkeit, die Entstehung von Karies zu verhindern, wird die Prophylaxemit Fluorid angesehen. Fluorid fördert die Remineralisation, härtet die obersteSchmelzschicht und hemmt das Bakterienwachstum. Als Vorbeugung für ganze Bevölkerungsgruppen wurde in der Vergangenheit die Fluoridierung des Trinkwassers diskutiert. Wegen der unterschiedlichen Gewohnheiten gibt es jedoch Bedenken wegen möglicher Überdosierung und Nebenwirkungen. Auch der Zusatz von Fluoriden im Speisesalz kommt zur Anwendung.

Daneben kann eine gründliche Entfernung der Zahnbeläge die Demineralisationverhindern. Kurz nach den Mahlzeiten sollte diese nicht erfolgen, da der Zahnschmelz bereits angelöst ist und durch das Reinigen leichter abgetragen werden kann. Als Hilfsmittel können Chemotherapeutika wie Fluoride und Chlorhexidin verwendet werden. Zusätzlich sind ein Ersatz von Zucker durch Xylitol(auch Xylit genannt), die Versiegelung der Fissuren, regelmäßige Kontrollen beim Zahnarzt und natürlich die regelmäßige Zahnreinigung gute Optionen, um sich vor Karies zu schützen. Dabei ist die einzige Möglichkeit, die Plaque zuverlässig zu entfernen, die Reinigung der Zähne mit der Zahnbürste und in den Zahnzwischenräumen mit Zahnseide oder, bei größeren Abständen zwischen den Zähnen, mit der Zahnzwischenraumbürste. Mundspülungen, auchChlorhexidindigluconat, können eine Neubildung der Plaque verzögern, aber nicht verhindern.

Vor allem in Finnland wurde seit den 1970er-Jahre der Einsatz von Xylit systematisch erforscht. Dabei wurde belegt, dass Xylit nicht nur die Kariesbildung nachhaltig hemmt, sondern auch zu einer Remineralisierung der betroffenen Zahnbereiche führen kann. Die antikariogene Wirkung wird dadurch erklärt, dass die kariogenen Streptococcus mutans das Xylit nicht verstoffwechseln können und damit absterben. Weiterhin werden sie auch daran gehindert, als Plaquebakterien an der Zahnoberfläche anzuheften. Als optimal wurde in den finnischen Studien eine Xylitmenge zwischen 5 und 10 Gramm pro Tag in mehreren Portionen ermittelt. Dies kann mittels Kaugummi oder Lutschpastillen erfolgen. Darüber hinaus regt Xylit die Speichelproduktion an und fördert die Bildung von Komplexen mit Calcium und Speicheleiweißen in der Mundhöhle, was zu einer Remineralisation von Zahnhartsubstanz führt.

Polyphenole aus roten Weintrauben hemmen die Bakterienart Streptococcus mutans, die zum Aufbau von Zahnbelägen(Plaque) und sogenannten Biofilmen auf den Zähnen beiträgt. Durch ihre bakterizide Wirkung hemmen Polyphenole die schädlichen Auswirkungen der Bakterien und wirken so auch vorbeugend gegen Zahnfäule und Zahnkaries.

Ein völlig neuer Ansatz zur Kariesprophylaxe ist ein effizientes Bakterienmanagement, das sich am Bakterientiter (Konzentration) im Speichel orientiert, sich diesem anpasst und dafür sorgt, dass sich die Bakterienkonzentration im Mund konstant in der physiologisch sinnvollen Konzentration einregelt. Dafür werden antibakterielle Wirkstoffdepots im Mund platziert, die mit einem für die Bakterienzellteilung notwendigen Stoff (Lecithin) umhüllt werden. Bakterien, die in die Zellteilungphase eintreten, nutzen das Lecithin des Wirkstoffdepots zum Aufbau einer neuen Zellhülle (Zellgrenzschicht). Dabei werden die antibakteriellen Inhaltsstoffe der Wirkstoffdepots freigesetzt, die Bakterienzellteilung verhindert und der Keimtiter im Mund auf ein konstantes Niveau eingestellt.

Eine weitere neuartige Entwicklung ist die Verwendung von speziellen Milchsäurebakterien, zum Beispiel als Hauptbestandteil von Zahnpasta: der Lactobacillus paracasei gegen Karieserreger.iDiese sind in der Lage, Kariesbakterien gezielt zu erkennen, an diesen anzudocken und danach leicht zu entfernen.

Es wird empfohlen, zweimal im Jahr zum Zahnarzt zu gehen, damit dieser den Zustand der Zähne kontrolliert. Dabei sollte gegebenenfalls Plaque und Zahnstein entfernt werden. Eine umfassende Prophylaxe wird durch die Professionelle Zahnreinigung (PZR) erreicht. Einige Zahnärzte bieten auch die Fluoridierung der Zahnoberfläche als Vorbeugung an. Zahnschmerz kommt als Warnsignal oft zu spät.

Durch den weitverbreiteten Gebrauch von Fluoriden beobachtet man heutzutage das Phänomen der „verborgenen Karies“. Kleine Kavitäten in den Fissuren oder Zahnzwischenräumen breiten sich in Richtung des Dentins aus, ohne zu einer nennenswerten Schädigung der Schmelzschicht zu führen. Dadurch bleibt lange Zeit bei flüchtiger Untersuchung der Eindruck eines gesunden Gebisses. Röntgenaufnahmen sind inzwischen eine zuverlässigere Diagnosetechnik.